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Im Blogbeitrag vom 12.02.2021 ging es um Konsequenzen der Art und Weise, wie das Gehirn unsere Wirklichkeit konstruiert. In diesem Beitrag stehen die Strukturen und Abläufe innerhalb des Gehirns im Vordergrund, auf denen diese Funktionsweise beruht. „Neuroideenmanagement“ berücksichtigt deren Relevanz für das Ideenmanagement.

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Auch in diesem Beitrag lade ich Sie wieder zum fröhlichen Assoziieren ein. Assoziative Impulse werde ich mit >>> kennzeichnen und ggf. auf entsprechende Links im Internet hinweisen. 

Vernetzte Neuronen als Bausteine der Informationsverarbeitung

Im Blogbeitrag vom 12.02.2021 wurden Neuronen und neuronale Netze zwar erwähnt, aber der Aufbau des Gehirns aus Nervenzellen (den Neuronen) und deren Zusammenwirken kamen noch nicht zur Sprache. Dabei sind sie es, die für ein Verständnis der Abläufe im Gehirn beim Wahrnehmen, Denken und Verstehen hilfreich sind.

>>> Könnte es sein, dass für unsere Fähigkeit zu denken eine spezielle „Hirnsubstanz“ verantwortlich ist, wie sie Christian Morgenstern in seinem Gedicht „Das Butterbrotpapier“ beschreibt?

>>> Was Offenheit und Weite im Gegensatz zu Begrenztheit und Enge des Denkens bedeuten, zeigt der Umgang mit einem Verbesserungsvorschlag, der vor Jahren bei der Egon Grosshaus GmbH eingereicht worden war. Er hatte zum Inhalt, den Mitarbeitern vorzuschreiben, nur noch Butterbrotdosen zu verwenden, damit das Müllaufkommen reduziert wird. Ich muss gestehen, dass ich nach Kenntnisnahme dieses Vorschlags bis hierher nur darüber nachdachte, was ich empfehlen könnte, wie man ihn möglichst respektvoll ablehnt. Die Zuständigen im Unternehmen dachten glücklicherweise weiter. Sie nahmen auch den Hintergrund zur Kenntnis, dass die Einreicherin zu ihrer Idee durch eine entsprechende Vorschrift in der Kita ihres Kindes angeregt worden war. Und sie nahmen den Vorschlag zum Anlass für eine Aktion, jedem Einreicher bei seinem nächsten Vorschlag eine Butterbrotdose zu schenken, die mit Obst, Schokolade und einem Gutschein für die Kantine gefüllt war (siehe Abbildung 1).

Blog-31-1_Butterbrotdose_2021-03-15Abbildung 1: Butterbrotdose als kreatives Giveaway (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Egon Grosshaus GmbH)

>>> Besuchen Sie das Musée Rodin in Paris und leisten dem „Denker“ beim Denken Gesellschaft.

Blickt man mit entsprechender Vergrößerung ins Gehirn hinein, werden die einzelnen Neuronen erkennbar (Abbildung 2).

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Abbildung 2: Nervenzelle, aufgenommen bei einer Maus (Quelle: Wikimedia)

Deren prinzipieller Aufbau und die Rolle der verschiedenen Teile bei der Informationsverarbeitung im Gehirn werden in Abbildung 3 gezeigt.

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Abbildung 3: Für die Informationsverarbeitung wesentliche Teile eines Neurons (Quelle: Ulrich Helmich)

Für die Signalaufnahme hat jedes Neuron einige Tausend Dendriten. Die Signale werden im Zellkern verarbeitet und über das Axon und die Synapsen an andere Nervenzellen weitergleitet.

  • Auf diese Weise kann ein Neuron mit bis zu 10.000 anderen Neuronen verbunden sein. Bei zwischen 50 und 100 Milliarden Neuronen, die jedes Gehirn hat, kommen so rund 100 Billionen Verbindungen zustande.

Die Übertragung der Signale an den Synapsen erfolgt über sogenannte „Botenstoffe“ (siehe Abbildung 4).

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Abbildung 4: Botenstoffe überbrücken den synaptischen Spalt (Quelle: www.dasgehirn.info, geringfügig bearbeitet)

Wie gut (oder schlecht) das funktioniert, wird durch die Körperchemie beeinflusst – also durch Hormone und Neuromodulatoren. Typische Chemikalien, die dabei eine Rolle spielen, sind beispielsweise Dopamin, Adrenalin, Glutamat (um nur einige zu nennen).

Das Gehirn als plastisches Netzwerk neuronaler Bahnungen

Gewisse Grundstrukturen des Gehirns sind genetisch bedingt und hängen vom biologischen Geschlecht ab. Das Gleiche gilt für die Ausformung der für die Körperchemie zuständigen Drüsensysteme. Auf diese Weise kommt es zu individuellen Dispositionen und Veranlagungen, die damit in der „Hardware“ weitgehend festgeschrieben sind.

Im Rahmen dieser Grundstrukturen ist ein breites Spektrum verschiedener Ausformungen der neuronalen Architektur möglich – je nachdem, welche Verbindungen zu dauerhaften Vernetzungen stabilisiert werden.

  • Bei der Geburt kommt jedes Gehirn mit einem riesigen Vorrat an Neuronen zur Welt – sehr viel mehr, als es je benötigt und sehr viel mehr, als es dauerhaft behalten wird. 
  • Verbindungen zwischen Neuronen sind dagegen zum Zeitpunkt der Geburt nur in geringem Umfang vorhanden. Gleichwohl entstehen erste Bahnungen auch schon vor der Geburt, wenn der Embryo beginnt, eine mentale Repräsentation seiner Erlebnisse aufzubauen – also eigene Körperwahrnehmungen (z.B. gegenseitige Berührungen der eigenen Hände) oder die Geräusche aus dem Bauch seiner Mutter verarbeitet.
  • Die eigentliche und wichtigste Bildungsphase für die Struktur der neuronalen Verbindungen beginnt jedoch erst nach der Geburt. Sie werden dann schnell und in großer Zahl vor allem in den ersten drei Lebensjahren angelegt und sind die Basis für die enorme Anpassungs- und Lernfähigkeit von Kindern.
  • Auch wenn die ersten drei Lebensjahre besonders prägend sind, dauert es noch viele weitere Jahre, bis sich die komplexen Gehirnstrukturen herausgebildet haben, die ein Mensch braucht, um in seiner Umwelt zurechtzukommen. Manche Teile des Gehirns sind erst mit ca. zwanzig Jahren ausgereift – wie etwa der präfrontale Kortex, der auch für die Fähigkeit zuständig ist, Belohnungen aufzuschieben und Handlungskonsequenzen zu erkennen.
  • Der Überschuss an Nervenzellen, die in keine Verbindungen eingebaut wurden, wird wieder abgebaut. Ab etwa dem zehnten Lebensjahr werden auch die Verbindungen aufgelöst, die nicht durch ihre Nutzung in Lern- und Entwicklungsprozessen stabilisiert wurden. Aufgrund dieses „Use it or loose it“ Effekts hat ein Erwachsenengehirn nur etwa halb so viele Verbindungen wie Gehirne von drei bis zehn Jahre alten Kindern.
  • Allerdings können lebenslang wieder neue Verbindungen aufgebaut werden, wenn sie benötigt werden. Das Gehirn ist ein Leben lang plastisch und passt sich neuen Anwendungen an.


Was geschieht nun mit den Neuronen und ihren Verbindungen, wenn wir wahrnehmen, denken und lernen?

  • Wenn ein Kleinkind erstmals das Bild eines Elefanten sieht, kann es diesen visuellen Input noch nicht richtig verarbeiten. Es hat bisher vielleicht nur den Hund des Nachbarn beobachtet und verbindet mit diesem die Lautfolge „wau, wau“, die ihm auch seine Eltern nahegelegt haben, wenn sie „schau mal, der süße Wauwau“ gesagt haben. Also deutet es im Bilderbuch auf den Elefanten und sagt „wau, wau“ – und man kann ihm nur Eltern (oder andere emotional bedeutsame Bezugspersonen) wünschen, die das Bilderbuch gemeinsam mit ihm anschauen und erklären, dass das hier ein Elefant ist, und was die Unterschiede zu einem Hund sind. Und dann einen Besuch im Zoo unternehmen usw. …
  • Die bei den Verarbeitungsprozessen dieser Informationen aktivierten Neuronen vernetzen sich um so stärker, je häufiger und eindrücklicher die entsprechenden Informationen dargeboten und verarbeitet werden – im Gehirn bildet und stabilisiert sich so das neuronale Netzwerk, das den „Elefanten“ repräsentiert. Die Bahnungen werden nochmals verstärkt, wenn das Kind selbst Bilder von Elefanten malt. Und irgendwann ist das Gehirn in der Lage, auch in den Klecksen der Abbildung 5 im Blogbeitrag vom 12.02.2021 einen Elefanten zu „erkennen“.
  • Auf die gleiche Weise werden die neuronalen Verbindungen und Netzwerke für die Verarbeitung anderer Signale gebahnt – etwa des visuellen Inputs „A B C“ (siehe Abbildung 2 im Blogbeitrag vom 12.02.2021), ganzer Worte (z.B. „Auto“, „Ball“, … „Elefant“, … und entsprechender Bilder) und ganzer Texte (inkl. der darin beschriebenen Zusammenhänge).
  • Damit neuer Input vom Gehirn aufgenommen werden kann, muss er an bereits vorhandene Strukturen angebunden werden können. Etwas völlig Neues ist im wörtlichen Sinne „unfassbar“: es kann vom Gehirn nicht erfasst und in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden – mit der Folge, dass diese neue Information als sinn- und somit bedeutungslos ignoriert wird.
  • Aufgrund der eingangs erwähnten unterschiedlichen genetischen Vorgaben für bestimmte Veranlagungen und Neigungen lassen sich verschiedene Gehirne vom gleichen äußeren Input unterschiedlich prägen: Was bei dem einen „auf fruchtbaren Boden fällt“ (indem entsprechende Bahnungen rasch gestärkt und dauerhaft stabilisiert werden), hinterlässt bei einem anderen vielleicht kaum neuronale Spuren. Gemeinsam ist jedoch allen Gehirnen, dass sie ein reiches Angebot an Vorbildern und Impulsen benötigen, um die komplexen Strukturen ausbilden zu können, die zur Entfaltung der jeweils vorhandenen Potentiale erforderlich sind.

Abbildung 5 veranschaulicht, was auf neuronaler Ebene geschieht, wenn man bestimmte Dinge häufiger tut – Gedanken denkt, Handlungen ausführt – und die entsprechenden neuronalen Netzwerke dementsprechend häufiger aktiviert werden: Die Synapsen feuern öfter, und wenn sie das häufiger tun, werden …

… mehr Botenstoffe freigesetzt,
… die Synapsenflächen größer und die Postsynapsen sensitiver,
… neue Kontaktstellen ausgebildet.

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Abbildung 5: Veränderungen an den Synapsen bei häufiger Nutzung (Quelle: www.dasgehirn.info, geringfügig bearbeitet)

Nicht nur die Leber wächst also mit ihren Aufgaben – auch das Gehirn (gemessen an den neuronalen Verknüpfungen) wächst und schrumpft damit, wie man es benutzt! Die Verbindungen, die gestärkt und stabilisiert werden, gleichen Trampelpfaden (wie dem in Abbildung 6 gezeigten), die um so breiter werden, je öfter sie genutzt werden. Werden sie nicht mehr benutzt, verschwinden sie allmählich wieder. Je nachdem, wie und wofür unser Gehirn bisher genutzt wurde, bildet sich so eine neuronale Architektur mit vielen Bahnungen – wie in einem dreidimensionalen Landschaftsgarten.

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Abbildung 6: Neuronale Bahnungen gleichen mehr oder weniger stark ausgetretenen Pfaden (Quelle: Wikipedia)

Worauf es für die Funktionsweise und Leistungsfähigkeit des Gehirns am Ende ankommt, ist nicht die Anzahl der Nervenzellen, sondern die Zahl und Struktur der Verbindungen zwischen den Neuronen. Wie unser Gehirn funktioniert und wofür wir es nutzen können, hängt somit davon ab, wie und wofür wir es bisher genutzt haben. Wie schon erwähnt, spielt außerdem die Körperchemie eine große Rolle – wird etwa in Stressmomenten ein Übermaß der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt, ist die Denkfähigkeit meist eingeschränkt.

Die oben genannte unvorstellbar große Anzahl von Verbindungen zwischen den Nervenzellen bedeutet übrigens, dass ein Signal nach drei synaptischen Übertragungsschritten wieder die Ausgangszelle erreicht – das heißt: Das Gehirn ist vor allem mit sich selbst beschäftigt! Nur 0,1% aller Verbindungsfasern werden für Input und Output benötigt, der Rest dient der internen Verdrahtung.

  • Diese selbstbezügliche Struktur des Gehirns ermöglicht es uns unter anderem, zu phantasieren und Vorstellungen von etwas zu entwickeln, was es noch gar nicht gibt – wir können planen, Handlungsabläufe im Kopf durchspielen und unser eigenes Kopfkino ablaufen lassen.

Das Gehirn als interaktives Entwicklungsprojekt

Dass sich die Verschaltungen in unserem Gehirn erst nach der Geburt in einem jahrelangen (und letztlich nie endenden) Prozess bilden, hat einerseits den Vorteil, dass wir vom Erfahrungsschatz früherer Generationen lernen können und enorm anpassungsfähig sind.

  • Es führt aber auch dazu, dass der Mensch wie kein anderes Tier Schutz und Fürsorge seiner erwachsenen Artgenossen über einen langen Zeitraum nach der Geburt braucht, um überhaupt physisch überleben zu können.
  • Das wiederum erfordert einen hohen sozialen Zusammenhalt der Erwachsenen, damit Eltern oder die Sippe über ausreichend lange Zeiträume hinweg ein Umfeld bieten, in dem der Nachwuchs aufwachsen und lernen kann.
  • Für die Bildungsvorgänge der neuronalen Strukturen ist das Gehirn (wie oben beschrieben) auf die Interaktion mit anderen angewiesen – ohne Bezug zu anderen Menschen, die es als Vorbilder nutzen und von denen es lernen kann, kann es sich gar nicht entwickeln.
  • In ein soziales Gefüge eingebunden zu sein, ist aber auch für erwachsene Menschen überlebenswichtig – als weder besonders schnelles, noch besonders starkes, noch mit besonders empfindlichen Sinnesorganen ausgestattetes „Tier“ hätte der Mensch auf sich allein gestellt in der „freien Wildbahn“ keine Überlebenschance. Die einzige Chance bestand (und besteht!) in einem gut aufeinander abgestimmten Miteinander in der Gruppe.


Aufgrund all dieser Erfordernisse entwickelte sich das Gehirn in der Evolution zu einem „Sozialorgan“. Das beschreibt Gerald Hüther in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ so: „In all jenen Bereichen, in denen es sich von tierischen Gehirnen unterscheidet, wird das menschliche Gehirn durch Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen geformt und strukturiert. Unser Gehirn ist also ein soziales Produkt und als solches für die Gestaltung von sozialen Beziehungen optimiert. Es ist ein Sozialorgan.

>>> Wie gut das Gehirn für die schnelle Beurteilung zwischenmenschlicher Situationen ausgelegt ist, zeigt ein Experiment, das Paul Lawrence und Nitin Nohria in ihrem Buch „Driven. Was Menschen und Organisationen antreibt“ (Klett-Cotta, 2003) beschreiben. Man soll herausfinden, ob die Aussage stimmt: „Wenn auf der einen Seite einer Karte D steht, dann steht auf der anderen eine 3“. Wenn Sie den Wahrheitsgehalt anhand von vier Karten überprüfen sollen, die „D“, „F“, „3“ und „7“ zeigen – welche müssten Sie umdrehen? Die meisten Menschen wählen „D“ oder „D und 3“. Nur 5 bis 10 Prozent wählen die richtige Lösung „D und 7“.

Dann wurden die abstrakten Buchstaben und Zahlen dieser Aufgabe durch eine in der Logik identische Fragestellung mit sozialer Bedeutung ersetzt. Es galt nun die Regel durchzusetzen: „Wenn eine Person Bier trinkt, muss sie 18 Jahre oder älter sein“. Bei welcher Person müssen Sie Alter oder Getränk überprüfen: dem Biertrinker, der Safttrinkerin, dem 25jährigen oder der 16jährigen? Hier fällt die Wahl der richtigen Lösung (Biertrinker und 16jährige) den meisten Menschen sehr viel leichter.

Als Sozialorgan hat das Gehirn sogar eine besondere Sorte von Neuronen – die Spiegelneuronen. Sie lassen uns nachvollziehen (auch emotional), was wir bei anderen beobachten. Die Spiegelneuronen sind etwa dafür verantwortlich, dass wir im Kino ansatzweise die Gefühle haben, die wir hätten, wenn wir uns real im Geschehen auf der Leinwand befänden.

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Abbildung 7: Menschen brauchen für ihre Entwicklung andere Menschen

Abgesehen von basalen Lebensfunktionen, die vom Stammhirn gesteuert werden, haben wir alles, was wir heute können und wissen, in Prozessen der Sozialisation und Enkulturation von anderen Menschen abgeguckt und gelernt. Ich finde es spannend, sich zu vergegenwärtigen, was dies „alles“ umfasst (siehe Abbildung 8):

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Abbildung 8: Einige Beispiele für kulturabhängige „Lerninhalte“, die nach der Geburt strukturell im Gehirn abgebildet werden (in wörtlich zu nehmenden „Bildungs“-Prozessen)

All dies ist in Form von neuronalen Strukturen in unserem Gehirn gespeichert, die (wie oben geschildert) erst nach unserer Geburt entstanden sind – und bei vielem davon unterscheiden sich die Vorstellungen zwischen verschiedenen Kulturen und sozialen Kontexten ganz erheblich.

>>> Das Risiko, in Fettnäpfchen zu treten, wenn man die eigenen Vorstellungen zu sehr verallgemeinert, demonstriert in der Serie „The Crown“ (in der zweiten Folge der ersten Staffel) Prinz Philip, als er in Kenia einen Kopfschmuck als „Hut“ bezeichnet, der für seinen Träger eine „Krone“ darstellt.
>>> Die erfrischende Wirkung einer Pippi Langstrumpf-Lektüre besteht nicht zuletzt darin, dass Pippi die Vorstellungen dessen, wie man etwas macht und wofür etwas zu nutzen ist, immer wieder auf den Kopf stellt.

Bei vielen der in Abbildung 8 genannten „Dinge“ handelt es sich um Konzepte von etwas, das es ohne unsere mentalen Vorstellungen gar nicht gäbe und das keine Entsprechung in der materiellen Welt hat – etwa Gerechtigkeit und Demokratie. Dank der bereits erwähnten selbstbezüglichen Struktur des Gehirns können unsere Gehirne davon trotzdem wunderbare Vorstellungen entwickeln und dank der Sprache können wir dann trefflich darüber streiten, welche Vorstellungen „richtig“ sind.

>>> Welche Vorstellung haben Sie von Ihrem „Ich“? Täuschen Sie sich, wenn Sie die Abbildung 1 im Blogbeitrag vom 12.02.2021 betrachten – oder werden Sie von Ihrem Gehirn getäuscht?

>>> Lesen Sie im Gedicht „Die Behörde“ von Christian Morgenstern, wie sich Herr Korf als Person vorstellt, die „nichtexistent im Eigen-Sinn bürgerlicher Konvention“ ist.

>>> Goethe, der ja auch viel mit Worten hantierte, lässt es Mephistopheles aussprechen (Faust 1, Studierzimmer, Verse 1997-1998): „Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten“…

>>> Die Entstehung und die Wirkweise der in unseren Gehirnen verschalteten Vorstellungen beschreibt Gerald Hüther in seinem Buch „Die Macht der inneren Bilder“.

Sich etwas vorstellen zu können, was es (noch) gar nicht gibt, also Entwürfe und Pläne für die Zukunft machen zu können und sich darüber anderen Menschen mitteilen zu können, war im Laufe der Evolution ein entscheidendes Plus (und ist es immer noch). Es ermöglichte, gemeinsam komplexe Vorhaben in Angriff zu nehmen und zum Erfolg zu führen. Früher waren das vielleicht Jagden zur Nahrungsbeschaffung, später das Anlegen von Bewässerungsanlagen, der Bau von Häusern und Städten, das Erkunden eines westlichen Seewegs nach Indien oder Flüge zum Mond und zu anderen Planeten.

Um es nochmals zusammenfassend zu betonen:

  • Alle Bahnungen im neuronalen Netzwerk Ihres jetzigen Gehirns – die ganze Struktur der Trampelpfade und der ausgebauten Autobahnen – sind Ergebnis Ihrer bisherigen Erfahrungen, insbesondere Ergebnis der Interaktion mit wichtigen Bezugspersonen.
  • All Ihre Überzeugungen, Ihre Vorstellungen davon, was richtig und wichtig ist, Ihre Reaktionsmuster und die Routinen, die Sie in Ihrem Leben entwickelt haben, entstanden erst nach Ihrer Geburt und wurden strukturell in Ihrem neuronalen Netzwerk abgebildet und verankert.


Diese Überzeugungen, Vorstellungen und Verhaltensmuster können aber auch während des ganzen Lebens wieder verändert werden: Indem neue Vernetzungen gebahnt und alte Verbindungen wieder aufgelöst werden (siehe oben).

  • Veränderungen fallen allerdings um so schwerer, je weiter Pfade zu Autobahnen ausgebaut wurden. Andere Verbindungen werden dann immer weniger in Betracht gezogen. Wenn nur noch betonierte Wege übrigbleiben, entstehen „Betonköpfe“: Überzeugungen erstarren zu Dogmen, hilfreiche Routinen werden zu schematischen Zwängen. Die Fähigkeit, sich neuen Gedanken und Ideen zu öffnen, geht verloren.
  • In Veränderungsprozessen kommt es daher darauf an, das „Neue“ genügend oft und intensiv zu üben, bis die entsprechenden neuen Verbindungen stabilisiert und die alten gelockert wurden. In Stresssituationen wird ansonsten meist automatisch wieder das alte Muster aktiviert, solange dessen Bahnungen noch stärker als die neuen sind.
  • Insofern lässt sich Ideenmanagement auch als Dauerprogramm verstehen, das Menschen dabei unterstützt, ausgetretene Pfade und eingefahrene Wege immer wieder zu verlassen und mentales Neuland zu betreten. Der Nutzen von Ideenmanagement für „Change Management“ war Thema im Blogbeitrag vom 26.02.2021, Ideenmanagement als „mentales Fitnesstraining“ war Thema im Blogbeitrag vom 18.06.2020, Beispiele für inspirierende Anregungen finden Sie u.a. im Blogbeitrag vom 09.07.2020.


Ideenmanagement will natürlich auch selbst möglichst gut in den neuronalen Strukturen aller Mitarbeiter verankert sein – am besten so, dass es zwischen den verschiedenen Gehirnen ein hohes Maß an Übereinstimmung der Vorstellungen von seiner positiven Bedeutung gibt! Immer wieder geeigneten Input zu geben, der für entsprechende Bahnungen sorgt, ist Aufgabe des internen Marketings für das Ideenmanagement. Wie „Neuromarketing“ für das Ideenmanagement aussehen kann, skizziere ich in einem nachfolgenden Blogbeitrag.

Das Gehirn als Körperorgan

Es ist zwar in diesem und dem vorigen Blogbeitrag fortwährend vom „Gehirn“ die Rede – es sollte aber klar sein, dass das Gehirn untrennbar mit dem Körper verbunden und letztlich ein Organ wie alle anderen ist. Ein einzelnes Organ oder Körperteil herauszugreifen und nur für sich zu betrachten, mag für manche Belange angemessen und ausreichend sein, während man anderen nur gerecht wird, wenn man den gesamten Organismus ganzheitlich betrachtet.

Eine Trennung nach dem Motto: „Hier der Körper, der die Sinneseindrücke liefert – dort das Gehirn, das die Eindrücke verarbeitet und den Körper steuert“, ist nicht sinnvoll. So wie Gedanken und Emotionen auf den Körper und seine Aktivitäten wirken, beeinflussen körperliche Bewegung, Atmung, bewusstes Lächeln und nach oben Schauen wiederum unsere neuronalen Aktivitäten und mentalen Zustände.

Eine umfassende Beschreibung für kognitive Prozesse bietet das Konzept der „4E-Kognition“. Dabei stehen die 4 „E“ für die Begriffe „embodied“, „enacted“, „embedded“ und „extended“, die im Folgenden und in Abbildung 9 näher erläutert werden.

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Abbildung 9: Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und andere mentale Prozesse sind stets körperbasiert (1), handlungsbezogen (2), in das physikalische, soziale und zeitliche Umfeld eingebettet (3) und durch die Nutzung von (äußeren) Gegenständen erweitert (4).

  • Embodied“: Alle mentalen Prozesse sind untrennbar mit dem Köper verbunden, vermittelt u.a. durch die Nerven von und zu anderen Organen (inkl. Sinnesorganen) und Muskeln sowie durch die Hormone und andere Stoffe der Körperchemie.
  • Enacted“ sind mentale Prozesse stets in dem Sinne, dass wir ja nicht passiv beobachten, was außerhalb unseres Gehirns geschieht und dann erst handeln, sondern dass Wahrnehmung und Handeln permanent miteinander verschränkt sind. Im Vollziehen von Handlungen nehmen wir wahr, und mit dem Wahrnehmen handeln wir.
  • Embedded“ sind mentale Prozesse stets in den Kontext, in dem sie stattfinden. Gehirne sind unermüdliche, proaktive und vorausschauende Organe, die synergetisch in den Organismus in seiner sozialen und physikalischen Umgebung eingebettet sind. Die Erfahrungen der Vergangenheit und in die Zukunft gerichtete Erwartungen sind Teil der Umgebung.
  • Extended“ sind unsere mentalen Prozesse, seitdem wir externe Gedächtnisse in Form von keilförmigen Zeichen auf Tontafeln, verknoteten Schnüren, Notizblöcken, Büchern und Ähnlichem mehr entwickelt haben. Für manche Menschen ist auch ihr Smartphone eine „Extension“ ihrer Körper und Gehirne – etwa, wenn Tinder als externes Sinnesorgan zum Aufspüren paarungswilliger Artgenossen benutzt wird. Auf Kreativitäts-Apps als für das Ideenmanagement nützliche „Extensions“ hatte ich im Blogbeitrag „Inspiration und Anreize für Einreicher – eine Ideensammlung für nichtmonetäre Incentives“ vom 09.07.2020 hingewiesen.

Lesen Sie mehr in den nachfolgenden Blogbeiträgen dieser Serie zum „Gehirn als Lustsucher“ und zum „Gehirn als Assoziationsmaschine“.

Alle Erwähnungen von Produkten und Unternehmen sind redaktioneller Natur und wurden nicht bezahlt.

 

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Dr. Hartmut Neckel

Dr. Hartmut Neckel

Dr. Hartmut Neckel ist einer der profiliertesten Vordenker und erfahrensten Praktiker im Themenbereich Ideenmanagement, Innovation und kontinuierliche Verbesserungsprozesse. Mehr Informationen zu Herr
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